Manifest
für ein europäisches Bewusstsein
Gemeinsame
Erklärung der Präsidenten der Semaines Sociales de France und des
Zentralkomitees der deutschen Katholiken
Als Präsidenten
der Semaines sociales de France und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken,
zweier katholischer Laienbewegungen, die sich am religiösen und gesellschaftlichen
Dialog beteiligen, wenden wir uns heute an die Öffentlichkeit unserer Länder
und generell an ganz Europa. Wir knüpfen hierbei an die deutsch-französische
Tradition einer aktiven Teilhabe am europäischen Aufbauwerk an und engagieren
uns in einer Diskussion, die sich auf der Ebene der europäischen Zivilgesellschaft
in den letzten Jahren entwickelt hat. Unsere Initiative versteht sich als offen
für alle christlichen Laienbewegungen, die an der Schaffung eines europäischen
Bewusstseins mitwirken wollen..
Jean Boissonnat
Hans-Joachim Meyer
1 - Vorwort
Woher rührt
das Gefühl der Ernüchterung, das die Völker Europas ergreift
? Ist etwa das Werk, das die Erbauer Europas in einem Zeitraum von zwei Generationen
geschaffen haben, nicht eindrucksvoll genug ? Vaclav Havel gibt folgende treffende
Antwort: "Ich werde das Gefühl nicht los, dass alles bis jetzt
Erreichte das Ergebnis einer Arbeit aus einer vergangenen Epoche ist und in
einem anderen Kontext steht. Dieses Projekt treibt dahin, ohne wirklich neue
Impulse, ohne eine wirkliche Kenntnis der Umstände. Man könnte meinen,
das sich im Aufbau befindliche Europa sei sich nicht ausreichend des grundlegend
neuen Kontextes, in dem es sich heute entwickelt, bewusst, um somit sein eigentliches
Wesen zu reflektieren und zu hinterfragen".
Von diesem
Blickwinkel aus ist das vorliegende Manifest zu verstehen. Wir möchten
zur Schaffung eines europäischen Bewusstseins in den Gesellschaften,
aus denen sich die Europäische Union von heute und von morgen zusammensetzt,
beitragen. Das Erbe einer gemeinsamen Geschichte reicht nicht aus, um ein wirkliches
Gemeinschaftsbewusstsein zu begründen. Nur ein umfassendes Verständnis
vom Menschen kann ein solches Bewusstsein schaffen. Dieses Verständnis
beruht auf der jüdisch-christlichen Tradition, auf den Traditionen der
griechisch-römischen Welt und auf dem Geist der Aufklärung: der Blick
für den Mitmenschen, die Entscheidung für ein Verständnis von
Gegenwart als gemeinsame Herausforderung, zu der jeder seinen Beitrag leistet,
eine Berufung zu einer gelebten Weltoffenheit, die nicht von Arroganz, sondern
von Bescheidenheit geprägt ist und eine Beziehung zwischen Spirituellem
und Politischem, die die Gewissensfreiheit eines jeden gewährleistet. Hieraus
ergeben sich konkrete Konsequenzen, die in diesem Manifest benannt werden. Es
geht aber auch um die Faszination, die die Europäische Union auf ihre Bürgerinnen
und Bürger ausüben soll. Wenn Europa heute seine Attraktivität
zu verlieren scheint, so liegt dies unseres Erachtens nicht nur an den Schwächen
der europäischen Institutionen, sondern auch und möglicherweise vor
allem an einem mangelnden Engagement aller Beteiligten, der politisch Verantwortlichen
sowie der Bürgerinnen und Bürger für das europäische Projekt.
Wir ergreifen
heute das Wort, weil wir eine Diskrepanz feststellen zwischen dem Ehrgeiz für
das europäische Projekt einerseits und dem für das heutige europäische
Aufbauwerk charakteristischen Mangel an notwendiger Grundorientierung. Wir sind
besorgt angesichts der mangelnden Klarheit über die Ziele, angesichts der
minimalistischen Erwartungen von Seiten der Bürgerinnen und Bürger,
der Unklarheit über die Gestalt der zukünftigen Union und der Diskrepanz
zwischen den Plänen und den Mitteln zu ihrer Durchsetzung. Die lange erwartete
Mobilisierung der Bürgerinnen und Bürger kann nur auf der Grundlage
von Wahrhaftigkeit geschehen.
Wir sind
davon überzeugt, dass Europa mehr ist als eine historische Errungenschaft.
Europa muss eine Hoffnung bleiben: Was bedeutet die Schaffung von Institutionen,
wenn sie nicht die Hoffnung nach einem Mehr an Demokratie in sich bergen, was
bringt eine gemeinsame Währung, wenn kein sozialer Zusammenhalt vorhanden
ist und was nützt die Öffnung der Weltmärkte, wenn es keine Hoffnung
gibt, dass diese Öffnung verantwortlich gestaltet werden kann.
2. Was
uns verbindet
Wozu laden
wir die Völker und Nationen Mittel- und Osteuropas, denen wir eine EU-Mitgliedschaft
anbieten, ein? Diese Frage nach dem "Ethos" - die Frage nach der moralischen
Grundlage des europäischen Projekts - ist für uns entscheidend. Welches
Bild hat Europa von sich selbst? Wie wird der konzeptionelle Beitrag Europas
zu einer politischen Weltordnung aussehen? Unserer Überzeugung nach müssen
das Ethos des europäischen Projekts und das Ethos der anstehenden EU-Erweiterung
identisch sein. Dies ist umso entscheidender, weil wir heute weder über
eine gemeinsame Sprache, noch über eine gemeinsame Kultur bzw. Religion
verfügen. Unsere gemeinsamen Überzeugungen müssen unser Fundament
sein.
Dies erfordert
eine Besinnung auf die Grundwerte und auf die Ordnungsprinzipien für die
europäische Gesellschaft. Sie entsprechen dem personalen und sozialen Charakter
des Menschen und bildeten zugleich den Grundkonsens, auf dem die bisherige Erfolgsgeschichte
der Europäischen Union entstehen konnte: Der Frieden als Sinnbild dieser
Union ist lediglich Frucht dieser Werte. Dieser Frieden, den zu erhalten unser
ganzes politisches Bemühen erfordert, kommt und bleibt nicht von alleine.
Er muss geschaffen und ständig gesichert werden. Dies zumindest ist die
europäische Erfahrung seit dem Zweiten Weltkrieg.
Es erscheint
uns deshalb wichtig, die Grundwerte und -prinzipien des europäischen Projektes
zu benennen:
1) Freiheit und Subsidiarität
Eine politische
Ordnung ohne Freiheit führt zwangsläufig in totalitäre Herrschaft
und verzichtet zugleich auf das Potenzial des zu freien Gedanken fähigen
Menschen. Die Subsidiarität auf sozialer Ebene hat die gleiche Bedeutung
wie Freiheit auf personaler Ebene.
2) Verantwortung und
Solidarität
Zentrale
Kennzeichen für eine menschenwürdige Gesellschaft sind die Bereitschaft
des Einzelnen, Verantwortung zu übernehmen und sein Streben nach Gerechtigkeit.
Das entsprechende Ordnungsprinzip ist die Solidarität, die die Gesellschaft
vor einem zerstörerischen Individualismus bewahrt.
3) Toleranz und Pluralismus
Toleranz
auf personaler Ebene ist die erste Voraussetzung, um Konfliktpotential aus ethnischen,
kulturellen oder religiösen Unterschieden zu bewältigen. Das entsprechende
gesellschaftliche Ordnungsprinzip beruht auf der Anerkennung der Pluralität
und der Verschiedenheit unserer Gesellschaften. Gegenseitiger Austausch, Achtung
des Anderen und Versöhnung von gegensätzlichen Positionen werden so
zu entscheidenden Voraussetzungen für die Bewahrung des Friedens.
Als Christen
sind wir überzeugt davon, dass diese Grundwerte und -prinzipien sich als
Kristallisationspunkte für einen Wertekonsens für ganz Europa und
als konkrete Kriterien für ein gemeinsames politisches Vorgehen eignen.
Gleichzeitig
sind diese Grundwerte und -prinzipien für die Transparenz und das Voranbringen
der europäischen Idee entscheidend. Deshalb müssen sie als Kriterien
kohärente Anwendung in den einzelnen Politikbereichen finden. Nur so werden
unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger Europa nicht als Bedrohung auffassen,
sondern als ein politisches Instrument zur Bewältigung der künftigen
Herausforderungen und zur Überwindung der Ängste und Unsicherheiten,
die mit einem Mehr an Freiheit verbunden sind.
Die Erarbeitung
einer europäischen Charta der Grundrechte kann hierzu ein identitätsstiftendes
Mittel sein, sofern eine rechtsverbindliche Ausgestaltung gelingt. Diese Charta
sollte die grundlegenden Prinzipien einer europäischen Demokratie beinhalten
und feierlich von der Bevölkerung aller Mitgliedstaaten angenommen werden
(mittels Direktwahl bzw. durch Volksvertreter, je nach der Tradition des jeweiligen
Landes). Die Europäische Union hätte auf diese Weise die Möglichkeit,
das eine oder andere Land vor dem Abweichen von den in der Charta festgelegten
Grundsätzen zu ermahnen, zu dem sich einzelne politisch Verantwortliche
etwa durch rassistische, fremdenfeindliche oder antisemitische Äußerungen
verführt sehen könnten.
3. DIE
EUROPÄISCHE IDENTITÄT IST EINE SOZIALE IDENTITÄT
Weder in
der christlichen Tradition noch im Gedankengut der Aufklärung erfährt
das Individuum seine Freiheit dadurch, dass es sich von der Gesellschaft absondert.
Die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit ergibt sich in einer ganzheitlichen
Beziehung zum Anderen, die auf Gegenseitigkeit beruht. Für die Gesellschaft
insgesamt ergibt sich hieraus, dass Frieden ohne soziale Gerechtigkeit nicht
von Dauer sein kann. Hierbei soll nicht außer Acht gelassen werden, dass
der Begriff der sozialen Gerechtigkeit je nach Land und wirtschaftlichem Entwicklungsstand
unterschiedlich definiert sein kann. Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit
ist jedoch für eine stabiles und nachhaltiges Wirtschaftswachstum unabdingbar.
Diese Überzeugung ist in der Geschichte unserer jeweiligen Länder
so tief verwurzelt, dass für uns eine europäische Identität von
heute und von morgen, die dieses nicht verinnerlicht hätte, undenkbar ist.
Die Verantwortlichen
in den Verbänden und Gewerkschaften, aber auch die vielen Unternehmer,
die in unseren Verbänden mitarbeiten, zeigen dies in ihrer tagtäglichen
Arbeit: Wirtschaftliche Effizienz, Bereitschaft zum Wettbewerb und die daraus
resultierende schöpferische Kraft sind keineswegs unvereinbar mit einem
offen bekundeten Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Dies gilt auch für
den Kontext der Globalisierung.
Auf der
Grundlage unserer Erfahrung und der ihr zugrundeliegenden christlichen Einstellung
möchten wir die Bedeutung von vier konkreten Bedingungen hervorheben,
die eine fruchtbare Spannung zwischen Wirtschaft und Sozialem schaffen sollen.
Die erste
Bedingung betrifft den Platz, den wir den benachteiligten Gemeinschaften, Gruppen
und Individuen, bzw. denen, die von Ausgrenzung bedroht sind, in unseren Gesellschaften
einräumen. Die Anerkennung und somit die Eingliederung dieser Gesellschaftsgruppen
(Langzeitarbeitslose, Obdachlose, Behinderte, Migranten, Asylsuchende) ist notwendig
für das Überleben aller und erfordert die vorrangige Bereitstellung
von ausreichenden öffentlichen und privaten Mitteln. Dies allein reicht
jedoch nicht aus. In Europa zielen die erfolgreichsten Strategien zur gesellschaftlichen
Wiedereingliederung auf eine "Beteiligungsgerechtigkeit". Beteiligungsgerechtigkeit
bedeutet eine neue Korrelation von Rechten und Pflichten für die sozial
unterstützten Gruppen und nimmt das Gemeinwesen in die Verantwortung, solche
Beteiligung in Freiheit zu ermöglichen.
Die zweite
Bedingung, die eng mit den Traditionen des europäischen Gesellschaftsmodells
verbunden ist, beruht auf einem erfolgreichen sozialen Dialog. Der soziale Dialog
auf europäischer Ebene bildet heute den Rahmen und den verbindlichen Bezugspunkt
für einen fruchtbaren Sozialdialog auf nationaler Ebene. Allerdings ist
er keineswegs ausreichend und bleibt weit hinter den gestellten Anforderungen
zurück. Die Gründe hierfür liegen nicht auf institutioneller,
sondern auf politischer Ebene. Wir ermutigen die Arbeitgeber- und Gewerkschaftsverbände
in unseren Ländern, die Kooperation mit den Partnerverbänden in den
anderen Ländern zu intensivieren, um so den sozialen Dialog auf europäischer
Ebene zu stärken. Sie könnten hier kraft ihrer eigenen Möglichkeiten
die Initiative ergreifen - an geeigneten Betätigungsfeldern mangelt es
nicht.
Die dritte
Bedingung betrifft die Überarbeitung der Wettbewerbsbestimmungen auf EU-Ebene.
Der sich in Europa entwickelnde Wettbewerb bedeutet Innovation und Schaffung
neuer Arbeitsplätze. Allerdings stößt er auf berechtigte Widerstände,
die sich gegen die unzureichende Regelung des Wettbewerbsrahmens richten, der
in der jetzigen Form lediglich auf nationaler Ebene funktioniert. Insbesondere
die Ablehnung einer allgemeinen steuerpolitischen Harmonisierung fördert
den unlauteren Wettbewerb und verstärkt die Ungleichheiten, indem Kapitalgeschäfte
zu Lasten von Arbeitsplätzen für weniger qualifizierte Arbeitskräfte
begünstigt werden. Die fehlende Harmonisierung ist somit ein Faktor für
strukturelle Arbeitslosigkeit.
Die vierte
Bedingung betrifft die Ausarbeitung neuer Grundsätze im Hinblick auf die
soziale Gerechtigkeit. Das Gleichgewicht und die Dynamik, die über mehrere
Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten, waren zum Großteil möglich
durch die verfassungsmäßige Verankerung sozialer Rechte, d. h. von
der Gesellschaft garantierter Rechte des Einzelnen. Angesichts des bisher Erreichten
und der Grenzen des Fürsorgestaates müssen diese sozialen Rechte überarbeitet
und aktualisiert werden. Die aufzubringenden Lasten dürfen nicht allein
den verschiedenen öffentlichen Körperschaften überlassen werden,
sondern müssen zum Teil auch, entsprechend dem Prinzip der Subsidiarität,
in den direkten Verantwortungsbereich der Bürgerinnen und Bürger fallen.
In diesem
Sinne könnte eine europäische Charta der Grundrechte, die hohe Anforderungen
hinsichtlich der neuen Sozialrechte stellt, eine wichtige symbolische Grundlage
sein, sowohl für die weitere Entwicklung der Europäischen Union als
auch für deren internationale Identität.
4. Die
Verantwortung Europas für Frieden und Gerechtigkeit in der einen Welt
Verantwortlich
für die großen geographischen Entdeckungen, mit denen sich die Globalisierung
von heute bereits abzeichnete, trägt Europa auch Verantwortung für
die schlimmsten Konflikte in der Menschheitsgeschichte. Dennoch scheint sich
Europa heute von der suchenden Bewegung hin zu einer globalen Welt, in der die
gegenseitige Abhängigkeit, die Risiken, aber auch die Solidarität
immer größer werden, nun eher abzuwenden. Statt dessen stößt
es erneut, verblüfft und unvorbereitet, auf Krisensituationen und Krieg
vor seiner eigenen Tür - denn nur so lassen sich die Ereignisse auf dem
Balkan beschreiben.
Will sich
Europa mit politischen Mitteln ausstatten, um seine internationale Verantwortung
im Dienste des Friedens und der Gerechtigkeit zu übernehmen, muss es entschieden
in drei Richtungen vorgehen.
1) Das Völkerrecht
fortbilden und eine Weltordnung zu dessen Gewährleistung schaffen.
Europa muss
insbesondere dazu beitragen, Kriterien und Voraussetzungen zu definieren, unter
denen humanitäre Einsätze zum Schutze der Menschenrechte gerechtfertigt
erscheinen mögen. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen zudem, dass
die Anwendung von Waffengewalt als ultima ratio immer einhergehen muss mit vorausgehenden
Maßnahmen zur Konfliktprävention, mit vormilitärischen Sanktionen
sowie mit anschließenden Aktionsplänen zum Aufbau eines Rechtsstaates
und zur Schaffung einer Zivilgesellschaft. So muss der Stabilitätspakt
für den Balkan als Chance gesehen werden im Sinne einer Vorbereitung der
Länder Südosteuropas auf eine zukünftige EU-Mitgliedschaft. Dies
wäre eine der aussichtsreichsten Garantien für einen dauerhaften Frieden
auf unserem Kontinent und ein Test für die Fähigkeit der Union, sich
konsequent für den Frieden einzusetzen.
Es bedarf
sicherlich einer großen Entschlossenheit von Seiten unserer politischen
Entscheidungsträger, um eine z. Zt. noch im Entstehen begriffene Gemeinsame
Außen- und Sicherheitspolitik der EU durchzusetzen. Dies mag zu Beginn
nur mit einem Teil der Mitgliedstaaten möglich sein. Wichtig ist jedoch,
dass Europa für die Sicherheit der Völker aktiv sein Schicksal in
die Hand nimmt und nicht passiver Zuschauer bleibt.
2) Die Unterentwicklung
verstärkt bekämpfen.
Die Versuchung
eines selbstzufriedenen Rückzuges ist groß, wie auch die stetig nachlassende
Hilfe im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit zeigt. Sie beruht auf der -
irrigen - Meinung, eine gelungene Eingliederung in den liberalisierten Weltmarkt
reiche aus, um die Probleme der Länder des Südens zu lösen. Die
Globalisierung mag zwar eine Hoffnung für die Entwicklung dieser Länder
sein, darf aber nicht als Alibi für nachlassende Solidarität herhalten.
Nicht alle Länder bringen die gleichen Grundvoraussetzungen mit und die
Globalisierung trägt auch zur Schaffung von Ungleichheiten bei. Die Europäische
Union muss zumindest ihre aktuellen Hilfsbemühungen beibehalten und zugleich
bestrebt sein, diese Hilfe effizienter zu gestalten, indem sie in den zuständigen
Institutionen auf multilateraler Ebene möglichst mit einer Stimme spricht
und die gewachsenen effizienten Strukturen der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit
auf staatlicher Ebene und insbesondere auf Ebene der Nichtregierungsorganisationen
beachtet.
Wichtig
ist hierbei auch, dass die Entwicklungszusammenarbeit der Europäischen
Union so konzipiert und durchgeführt wird, dass die Hilfen auch wirklich
zur Bekämpfung der Armut eingesetzt werden und dass die Staaten, denen
diese Hilfen zugute kommen, reale Fortschritte im Hinblick auf Demokratie und
Achtung der Menschenrechte machen.
3) Die Globalisierung
in den Griff bekommen.
Sämtliche
internationalen Krisen der jüngsten Zeit, sei es im Bereich der Lebensmittelsicherheit,
hinsichtlich der Stabilität auf den internationalen Finanzmärkten,
im Umweltschutz oder bezüglich der Ausbreitung der organisierten Kriminalität,
zeugen von einer wachsenden Diskrepanz zwischen den Märkten, Gütern,
Dienstleistungen, dem Kapital, den privaten Organisationen und den weltweiten
Kommunikationsmitteln, einerseits, und den internationalen Regulierungsbehörden
andererseits. Europa würde der Versuchung einer rein ökonomischen
Denkweise erliegen, wenn es auf internationaler Ebene nicht zum Fürsprecher
einer Reform der Weltordnung würde. Eine solche neue Weltordnung müsste
da, wo es nötig ist, auf eine Reform der Institutionen und Kooperationsmechanismen
zielen, um effizienter und demokratischer, transparenter und offener mit den
Schwellen- und Entwicklungsländern zusammenzuarbeiten.
5. Schluss
Wir fordern
unsere politischen Verantwortlichen im Hinblick auf das europäische Aufbauwerk
zu einem verstärkten Bemühen um Wahrhaftigkeit auf. Es wird kein Vorankommen
geben, wenn die Realitäten vor den Bürgerinnen und Bürgern verschleiert
werden. Es erscheint uns sinnvoller, die Regierungskonferenz in Nizza Ende 2000
wirklich offen zu gestalten und die Herausforderungen der Erweiterung klar darzulegen,
selbst auf die Gefahr eines Misserfolgs oder einer Konfliktsituation hin, anstatt
ein Abkommen zu beschließen, dessen Bestimmungen offensichtlich unzureichend
sind.
Es muss
der Mut aufgebracht werden, den Menschen unserer Länder die Gründe
darzulegen, weshalb die Europäische Union eine wirkliche Exekutive braucht,
ohne dass diese die nationalen Regierungen ersetzen würde. Eine solche
dem Europäischen Parlament verantwortliche Exekutive müsste strikt
unter Beachtung des Subsidiaritätsprinzips arbeiten. Ein nächster
Schritt zu einer gestärkten Exekutive könnte in einer Ausweitung der
Befugnisse der Kommission bestehen.
Wir hoffen,
dass sich aus dem diesem Text zugrunde liegenden Bemühen um Wahrhaftigkeit
auf dem Weg zu einem vereinten Europa, das den gesamten Kontinent umfasst, erneut
eine starke und integrative deutsch-französische Initiative ergibt.
In diesem Geist der Wahrhaftigkeit fordern wir eine europäische Charta,
die wirklich Ausdruck der Grundrechte und den neuen Herausforderungen zur Erreichung
des sozialen Zusammenhalts in unseren Ländern gewachsen ist.
Wir sind
uns jedoch auch darüber im Klaren, dass die Schaffung eines europäischen
Bewusstseins nicht allein Aufgabe der politischen Entscheidungsträger sein
kann. Es ist auch unsere Aufgabe. Deshalb richten wir uns mit diesem Aufruf
an alle Bewegungen, die die Werte und Ziele dieses Manifests teilen, um uns
auf diese Weise gemeinsam dieses Bewusstsein zu eigen zu machen. Deshalb wenden
wir uns auch an alle Mitglieder unserer Verbände. Sie können mit ihrem
Verhalten und ihren - auch noch so bescheidenen - Aktionen vor Ort die Bedeutung
eines europäischen Bewusstseins aufzeigen. Dies geschieht im Bemühen
nach einer Öffnung hin zum Anderen, egal wie groß die Unterschiede
auch sein mögen, und in der Bereitschaft, sich für das Gemeinwohl,
an dem auch die Ärmsten teilhaben, zu engagieren.
"Europa
ist auf der Suche nach sich selbst; Es weiß, dass es sein eigenes Schicksal
in den Händen hält. Nie zuvor war es dem Ziel so nahe. Gebe Gott,
dass es seine Schicksalsstunde, die letzte Chance zu seinem Wohle, nicht versäumt".
(R. Schuman)
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