Die Ursprünge der "Französischen Sozialwochen" gehen auf das Jahr 1904 zurück, und zwar auf die Initiative der beiden laizistischen Katholiken, den Lyoner Marius Gonin und Adéodat Boissard aus Lille, mit dem Ziel, das soziale Gedankengut der Kirche zu verbreiten, es umzusetzen und es an die Probleme unserer Zeit anzupassen; vor allem aber ging es darum, um die Bedingungen der Arbeiterklasse zu verbessern, die von Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika "Rerum Novarum" (1891) als "unmenschlich" verurteilt wurden.
Heute wie zur Zeit der Gründung befassen die Französischen Sozialwochen sich schwerpunktmäßig mit dem Wandel in den Bereichen der Wirtschaft, Politik, Kultur, der Wissenschaft und Technologie sowie mit dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf die Ausübung der sozialen Verantwortung. Das Hauptforum zur Debatte und zum Meinungsaustausch ist die jährliche Veranstaltung, die jeweils einem aktuellen gesellschaftlichen Thema gewidmet ist.
Seit den Anfängen haben die Französischen Sozialwochen sich quasi als eine "Universität für Jedermann" präsentiert. Hier wird Bildung für eine breite Allgemeinheit angeboten, die nicht nur größtenteils aus Intellektuellen besteht, sondern die auch reist – denn bis in die 70er Jahre fanden die Französischen Sozialwochen jedes Jahr in einer anderen französischen Großstadt statt.
Die Französischen Sozialwochen hatten erstmals im Jahr 1904 in Lyon stattgefunden (wobei man mit 200 Teilnehmern gerechnet hatte, und 450 waren erschienen!), und der erste Präsident war Henri Lorin,
der diesen Posten bis zu seinem Tode 1919 innehatte. Unter der Präsidentschaft von Eugène Duthoit, Professor für Jura in Lille, wurde die jährliche Begegnung der Französischen Sozialwochen zwischen den beiden Kriegen spezielleren Thematiken gewidmet, wobei nicht nur soziale Probleme behandelt wurden, sondern auch Themen im Zusammenhang mit den großen Herausforderungen der Zeit, d.h. vor allem Frieden und Demokratie.
Marius Gonin, Gründer der Französischen Sozialwochen (1904).
Im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg, unter der Präsidentschaft von Charles Flory, eines früheren Widerstandskämpfers (der das Amt bis 1960 innehatte), und dann Alain Barrère, Professor für Wirtschaft (bis 1985) wurden in den
Französischen Sozialwochen, jetzt unter einer stärkeren Betonung der wirtschaftlichen Aspekte, alle großen Probleme der Gesellschaft angesprochen, insbesondere die Problematiken der Dritten Welt und die Phänomene der Sozialisierung. Was die Teilnehmerzahlen betrifft, so erreichte diese ihren höchsten Stand mit 5.400 Teilnehmern auf der Veranstaltung von Lyon im Jahre 1964.
Charles Flory, Präsident der SSF, 1945-1960.
Im Anschluss an die Krisen der "Action Catholique", der christlichen Gewerkschaftsbewegung in Frankreich, und der politischen Kräfte, die sich der Strömung der christlichen Demokratie anschlossen, verzeichneten die
Teilnehmerzahlen bei den Französischen Sozialwochen in den 70er Jahren einen starken Rückgang, während sie dann ab Mitte der 80er Jahre, zuerst unter der Präsidentschaft von Jean Gélamur (bis 1995) und dann Jean Boissonnat und Michel Camdessus (ab Januar 2001) aber wieder stetig zunahmen und ab 1995 mit einer jährlichen Teilnehmerzahl von mehr als 2.000
wieder ihren jährlichen Rhythmus erreichten.
Jean Boissonnat , Präsident der SSF, 1995-2000

Michel Camdessus, Präsident der SSF, 2000-2006.
Jérome Vignon, derzeitiger Präsident der Französischen Sozialwochen.
Zu den Themen der letzten Jahre gehörten: "Arbeit und Beschäftigung" (1987), "Die Herausforderungen der Ausbildung" (1989), "Wettbewerb und Solidarität" (1991), “Die Medien und wir” (1993), "Une idée neuve, la famille" (Ein neues Konzept: die Familie - 1995), "Quelle Europe ?" (Welches Europa? - 1996), "Les migrants : défi et richesse pour notre société" (Migranten: Herausforderung und Bereicherung für unsere Gesellschaft - 1997), “Démocratiser la République, représentation et participation du citoyen” (Eine Demokratisierung der Republik, Vertretung und Beteiligung des Bürgers - 1998), "D'un siècle à l'autre, l'Evangile, les chrétiens et les enjeux de société" (Von einem Jahrhundert zum anderen: Evangelium, Christentum und gesellschaftliche Herausforderungen - 1999), "Travailler et vivre" (Arbeiten und Leben - 2000), "Biologie, médecine et société" (Biologie, Medizin und Gesellschaft - 2001), "La violence" (Gewalt - 2002), "L'argent" (Geld - 2003). Anlässlich ihres 100. Jubiläums wurde von den Französischen Sozialwochen (SSF) im September 2004 in Lille auch eine große europäische Begegnung zum Thema "Europa: eine Gesellschaft, die erfunden werden muss?" veranstaltet. Und in den folgenden Jahren wurden von den Französischen Sozialwochen die folgenden Themen angeschnitten: "Werte weitergeben und teilen, Freiheiten fördern" (2005) und schließlich "Was ist eine gerechte Gesellschaft?".
Last update : 25/07/2008