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Gast

Jérôme Vignon
Die Religionen,

bedrohung oder hoffnung für unsere gesellschaften?



Angesichts der Globalisierung von Menschen und Ideen, der Anwesenheit von Religionen aus anderen Kontinenten und Kulturen, vor allem des Islam, der Zunahme der Konflikte, die in irgendeiner Weise mit religiösen Überzeugungen

zusammenhängen, muss man sich fragen: Sind die Religionen, wie manche behaupten, Faktoren der Spaltung oder tragen sie, wie sie selbst erklären, zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei?

Diese Frage stellt sich in Europa zu einem Zeitpunkt, da die moralische Autorität der Staaten schwindet und die Politik von einer eher pragmatischen als vorausschauenden Haltung geprägt ist. Dieser Autoritäts- und Sinnverlust geht einerseits mit einem krampfhaften Rückzug auf die eigene Identität einher, eröffnet aber andererseits einen breiten öffentlichen Raum für die gesellschaftliche Debatte und die aktive Beteiligung an der Zivilgesellschaft. Eine dergestalt neue, unser Tagesgeschehen kennzeichnende Situation verlangt zu Recht von Seiten aller gesellschaftlichen Akteure, der öffentlichen wie der verbandlichen, der religiös neutralen wie der religiös gebundenen, eine Anstrengung unterscheidenden Erkennens. Unter der Oberfläche eines nach wie vor hartnäckigen Argwohns gegenüber den historisch eingewurzelten Kirchen wie gegenüber den neu implantierten Religionen artikuliert sich im Tiefsten eine auf Sinn und Werte gerichtete Erwartung, die die üblichen Grenzen zwischen der privaten und der öffentlichen Sphäre überschreitet.

Kirchen und Religionen sind herausgefordert, auf diese Erwartung zu antworten; ohne die Grenzen ihres eigenen Auftrags zu missachten, könnten sie auf dieser besonderen Etappe der europäischen Gesellschaften die Rolle einer langfristigen
Referenzgröße in der Demokratie übernehmen. Aber unter welchen Bedingungen? Sicherlich wird es nötig sein, dass die staatlichen Autoritäten die Sozialisationsfunktion, welche die christlichen Kirchen und die anderen Religionen erfüllen, klar anerkennen. Aber auch von deren Seite sind -Veränderungen nötig – Veränderungen, die eine von ihrem Bauprinzip her pluralistische Gesellschaft, die geprägt ist durch die Bedeutung einer nichtautoritären und für Debatten offenen Kommunikation, erforderlich macht.


Jérôme Vignon,
Präsident der Französischen Sozialwochen
 
Last update : 24/07/2008